Trotz Fachkräfteeinwanderungsgesetz:

In Deutschland sind 1,4 Millionen Stellen unbesetzt, fast jedes zweite Unternehmen klagt über  Schwierigkeiten bei der Suche nach geeigneten Arbeitskräften. Kaum oder keine Bewerbungen auf Stellenausschreibungen. Der Fachkräftemangel ist eines der zentralen Probleme der deutschen Wirtschaft und insbesondere der mittelständischen Unternehmen im Handwerk, im Gesundheitsbereich und in den freien Berufen. Seit Anfang März hat nun auch Deutschland endlich ein Fachkräfteeinwanderungsgesetz. Auf lange Sicht kann die erleichterte Zuwanderung von Fachkräften sicherlich dazu beitragen, das Umsatz- und Ertragspotenzial deutscher Unternehmen erhöhen und einen wichtigen Beitrag zur Sicherung ihrer Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit leisten. Doch ist mehr notwendig, um den Bedarf im Mittelstand zu decken und nicht nur der Industrie! Jahrzehnte lang wurde die demographische Entwicklung der Bevölkerung von der Politik  ignoriert.

Die anspruchsvollen, hoch spezialisierten und sehr verschiedenen Anforderungen im deutschen Mittelstand erfordern langjährige Erfahrungen. Der Vergleich mit den bestehenden Regelungen im EU-Ausland zeigt, dass die deutschen Fachkräfte – gerade im Handwerk – oft über ein deutlich höheres Qualifikationsniveau als ihre ausländischen Kollegen verfügen. Hier bietet das Fachkräfteeinwanderungsgesetz einen Ansatzpunkt zu einer positiven Entwicklung, aber keinen schellen Erfolg. In Branchen mit vergleichbaren Anforderungen (zB. Gesundheitswesen, IT) sind jedoch deutlich positive Impulse zu erwarten.

Ausbildung ist der Schlüssel zur Qualifikation.
Der Mittelstand trägt die Hauptlast der  Ausbildungsanstrengungen in Deutschland. Hier sind die Aufwendungen angestiegen. Im
Gegensatz dazu senken die DAX-Unternehmen ihre Ausgaben für die duale Berufsausbildung. Es gibt Meldungen, dass das größte deutsche Softwareunternehmen SAP keinen Auszubildenden beschäftigt. Kaum zu glauben! Gleichzeitig werben die Großunternehmen gerne die gut ausgebildeten Mitarbeiter im Mittelstand ab. Warum dann noch ausbilden? Es ist die Forderung zu unterstützen, dass die Ausbildung zu
vergüten ist, wenn ein Mitarbeiter unmittelbar nach der Ausbildung von der Industrie abgeworben wird. Weiterhin ist zu prüfen, ob eine Ausbildungsumlage von allen Betrieben erhoben werden sollte, die nicht ausbilden. Eine Selbstverständlichkeit im Handwerk; doch wo ist der der Anteil der Großunternehmen an dieser gesellschaftlichen Aufgabe?

Migration als Chance sehen. Globale Migration ist durch Grenzen nicht aufzuhalten. Die  Geschichte der Migration ist so alt wie die Menschheitsgeschichte. Der Mittelstand ist Vorreiter der beruflichen Integration. Er heißt Fremden, die unsere Wertvorstellungen akzeptieren und respektieren, willkommen. Hier hat die Politik mit dem Fachkräfteeinwanderungsgesetz einen weiteren Baustein der notwendigen Rahmenbedingungen geschaffen. Der Mittelstand stellt hier Praktika und Ausbildungsplätze zur Verfügung. Es zu fordern, dass jeder Flüchtling, der eine Ausbildung absolviert hat, sich in die Gesellschaft integriert hat, auch ein Arbeits- und Bleiberecht hat. 

Digitalisierung als Risiko und Chance. Digitalisierung ist mehr als das Verlegen von Glasfaserkabeln oder das Ausbauen von Funkmasten. Neue Produktionstechniken, neue Arbeitsabläufe und der Einsatz der Robotik schaffen Möglichkeiten, menschliche Arbeitskräfte zu unterstützen, aber auch diese zu ersetzen. Ziel muss es sein, dass sich die Fachkraft auf die Abläufe konzentrieren kann, die nur durch Menschen erledigt werden können. Wer möchte schon von Maschinen im Alter gepflegt werden? Aber gegen die Verteilung von Essen von der Küche auf die Stationen spricht wenig.

Hintergrund: Fachkräfteeinwanderungsgesetz 

Deutschen Unternehmen und den Unternehmen im Landkreis Harburg fehlen Fachkräfte. Damit sie diese leichter aus Ländern jenseits der Europäischen Union anwerben können, trat am 1. März 2020, das Fachkräfteeinwanderungsgesetz in Kraft. Der Gesetzgeber erleichtert es den Unternehmen Fachkräfte mit qualifizierter Berufsausbildung aus dem EU-Ausland anzuwerben. Bislang gab es hier Vereinfachungen für Akademiker sowie in sogenannten Mangelberufen. Ansonsten musste erst geprüft werden, ob nicht auch ein deutscher oder europäischer Bewerber zur Verfügung steht. Diese Vorrangprüfung entfällt jetzt bei anerkannter Qualifikation des Bewerbers, guten Deutschkenntnissen des Bewerbers und unter der Voraussetzung, dass der Lebensunterhalt selbst gesichert werden kann. Um das Anerkennungsverfahren zu durchlaufen, kann der eignete Bewerber für 6 Monate nach Deutschland einreisen, um sich einen Arbeitsplatz zu suchen. Weitere Wege sind die Vermittlung durch die Bundesagentur für Arbeit aus anderen Staaten. Das Fachkräfteeinwanderungsgesetz bietet den Rahmen, den alle Beteiligten jetzt füllen müssen. Die Bundesagentur für Arbeit, Verbände und Kammern setzen sich im In- und Ausland dafür ein, dass sich die Jobbörsen weiter beleben und die auswanderungswilligen Fachkräfte klare Ansprechpartner finden. In einem ersten Schritt wird geplant u.a. auswanderungswillige Fachkräfte aus Brasilien, Vietnam, Mexiko oder den Philippinen anzuwerben.

Zur Person: 

Der Winsener Wirtschaftsprüfer und Steuerberater Carsten Tippe (52) ist geschäftsführender  Gesellschafter einer auf den Mittelstand ausgerichteten Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsgesellschaft (AGORA Carsten Tippe GmbH) mit Sitz in Hamburg-Harburg.
Hier steht – neben „normalen“ steuerlichen Aspekten – des Mittelstandes regelmäßig der tägliche Umgang mit Fragen der Digitalisierung im Fokus. Sie ist mehr als die Einführung von EDV. Sie bedeutet die Anpassung vertrauter interner Abläufe und das Denken in die Zukunft. Wie wird Digitalisierung meinen Markt verändern? Wird sich mein Beschaffungsmarkt anpassen? Wie muss ich mit den Mitarbeitern umgehen? Kurz gesagt, das betriebliche Wertesystem steht neben dem Menschen im Fokus der Arbeit. Hierbei helfen die Techniken des Wirtschaftsmediators Lösungsansätze zu erarbeiten. Nur wenn alle beteiligten Seiten einen Vorteil in den Lösungswegen erkennen, können diese auch in der digitalen Welt erfolgreich sein. Dies gilt für Kunden, Lieferanten und die eigenen Mitarbeiter!
Carsten Tippe ist neben seiner beruflichen Tätigkeit stellvertretender Vorsitzender der Mittelstandsunion MIT im Landkreis Harburg, stellvertretender Vorsitzender der Mittelstandsunion MIT im Bezirk Nord-Ost Niedersachsen sowie MIT Vorstandsmitglied im Land Niedersachsen. Er beschäftigt sich als ehrenamtlicher Vorstand der Stiftung eines 2014 verstorbenen Hamburger Kaufmannes intensiv mit den Bereichen: Natur- und Umweltschutz, Denkmalpflege, Gesundheitsvorsorge und der beruflichen Bildung.